Vom Loslassen
Ende Juli in Bulgarien. Gil pflückt die letzten Rosenblüten auf einem Feld. Sie blickt über ihre Schultern und betrachtet eine, über das Rosenfeld verstreute Menschengruppe, die es ihr gleichtun. Sie schaut in den Himmel im Westen und dann auf ihre Uhr. Die Sonne geht auf. Einer der Rosenpflücker macht eine scherzhafte Bemerkung, die wir nicht verstehen, die anderen lachen. Gil ist in Gedanken woanders. Die Situation ist allerdings eine ernst, denn der fortschreitende Klimawandel droht die Rosenernte zu ruinieren.
Silas Junior steht im Schlafzimmer zwischen Schrank und Bett und packt seine Koffer. Er wirft einen Blick durch das Schlafzimmerfenster auf den Parkplatz vor dem Haus, und zündet sich eine Zigarette an, raucht diese am offenen Fenster, weil Gil es absolut nicht ausstehen kann, wenn er im Haus raucht. Sabrinas Cousin fährt mit einem Auto vor, um ihn zum Bahnhof zu bringen. Auf Silas Junior wartet eine mehrtägige Zugreise nach Paris, wo er seine Rosenduft-Kreation mehreren Parfümherstellern vorstellen möchte. Es ist ein sehr großer Schritt für ihn, dem er allerdings mit Erleichterung entgegensieht, denn im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester Gil, möchte er Bulgarien und den Rosenfeldern für lange Zeit Lebwohl sagen; es ist für ihn auch ein Schritt in die lang ersehnte Freiheit und Anonymität. Bevor er vor gar nicht allzu langer Zeit mit Gil aus München nach Bulgarien zurückgezogen war, spielten diese Dinge in seinem Leben eine untergeordnete Rolle, sie waren ihm schlicht auch nicht bewusst, der Bestand der Beziehung zu seiner Zwillingsschwester war ihm damals wichtiger gewesen. Doch was ihm schon in freiheitlichen München nicht gelang, läuft in Bulgarien noch schlechter für ihn, seine komplexe sexuelle Selbstbestimmung.
Gil ist sehr traurig gestimmt, vor allem wegen eben jenes lange im Raum stehenden Abschiedes von ihrem Zwillingsbruder, ihrem letzten bekannten Blutsverwandten in unmittelbarer Nähe. Die Bande zur weiter entfernten Familie sind brüchig und nicht tragfähig gewesen; durch ihre, wenn auch nur leichte Behinderung, fühlt sie sich zu sehr als Außenseiterin, was gar nicht so sehr von außen kommt, sondern eine Frage ihrer Wahrnehmung ist.
Weitere Verwandte, die sie durch bevorstehende Recherche der Familienchronik eventuell ermitteln könnte, stehen erst bevor. So kann sie Silas Juniors Vorfreude nicht teilen, kann aber seinen Wunsch um ein Leben in mehr Unabhängigkeit und Freiheit nachvollziehen, wenngleich viel auf ihrer stillen Wahrnehmung und Interpretation beruht, denn obwohl die emotionalen Bande tief sind, zwischen den beiden Zwillingen, hat sich Silas Junior in diesem Punkt nie konkret geöffnet.
Im Gegensatz zu ihrem Zwillingsbruder fand Gil in Bulgarien zu ihrer Würde zurück, nachdem in Deutschland, der Alltag eher durch Ausgrenzung, oder vielmehr sozialen Rückzug und sowieso emotionale Kälte gekennzeichnet war.
Es wird die erste große und lange Trennung der beiden eng miteinander verbundenen Geschwister sein.
Marina sitzt in einer Gruppe von Anwärterinnen und Anwärtern, im Ausbildungsunterricht der europäischen Raumfahrtbehörde, welche im Rahmen einer internationalen Raumfahrtkooperation beabsichtigt, den Mond zu bevölkern. Marina befindet sich in der letzten Phase des Auswahlverfahrens, um zu den ersten Menschen zu gehören, welche den Mond auf Dauer besiedeln sollen. Marina ist die Halbschwester von Gil und Silas Junior; die drei Geschwister haben mit Silas Senior denselben Vater.
Das Duo von Ausbilderin und Ausbilder, welches den Unterricht durchgeführt hatte, schließt den Unterrichtstag ab, und die Klasse löst sich allmählich auf. Marina zieht sich in ihre Unterkunft zurück, wo sie zunächst eine Dusche nimmt, und sich dann um ihre Tagespost kümmert, in der ein Brief von Gil enthalten ist. Gil erzählt ihr von der bevorstehenden Umsiedlung von Silas Junior nach Paris.
[Während Marina den Brief liest, welche Gil in Overvoice spricht, wird Silas Junior gezeigt, der das Auto besteigt, und sich zusammen mit seinem Fahrer (Cousin der Postbotin Sabrina) zum Bahnhof begibt, wo er den Zug Richtung Frankreich besteigt. Auf dem Bahnsteig raucht er die letzte Zigarette (signalisiert dies gegenüber Sabrinas Cousin mit einer Geste) und wirft seinen Tabak und das Zubehör in einen Abfalleimer und steigt ein]
Gil erzählt Marina, davon wie schwer sich Silas Junior zuletzt in Bulgarien damit getan hat, frei und unbekümmert zu leben, und wie sehr sie sich für ihn und seine bevorstehende Zeit in Paris freut, gleichzeitig aber ihr Herz aufgrund der Trennung zu brechen droht. Sie erwähnt, dass es schwer ist, darüber mit Silas Junior zu reden, weil er sich diesbezüglich nicht nur der Familie, sondern auch ihr gegenüber verschließt. Sie leidet unter der Vorstellung, dass Silas Junior mit seinen Sorgen ganz allein dasteht. Sie kennt das Gefühl zumindest ansatzweise, aus der Zeit, bevor sie mit Psychologen über ihr Leben sprach.
Silas Junior befindet sich im Schlafwagenabteil und geht seine Koffer durch. Er durchforstet seinen Kofferinhalt nach für die Reise geeigneten Kleidungsstücken durch, und wechselt seine Garderobe in einen deutlich femininen Stil. Dabei begleitet wird er durch die mehr oder weniger stille und neugierige Beobachtung durch einen sechs oder sieben jährigen Jungen einer Familie, welche das Abteil mit ihm teilt. Silas Junior zieht sich in der Duschkammer um und begibt sich dann in den Speisewagen, wo er an einem der freien Tische Platz nimmt, und den Sonnenuntergang genießt. Er holt sein Smartphone heraus, und macht ein Foto, welches er seiner Familie und ein, zwei Freunden schickt, das Smartphone dann aber auf den Tisch legt, und ankommende Nachrichten vorerst ignoriert.
[18.07.2026]
