Vom Glück
Ein Jahr später
Gil steht zwischen Rosenbüschen und pflegt diese. Sabrina kommt vorbei, und nach einigem Zögern, gesteht sie Gil gegenüber ihre Liebe. Gil ist überrascht, und reagiert herzlich. Sie versteht nun, warum es ihr nahezu unmöglich war, Sabrina freundschaftlich näher zu kommen. Sabrina meint, sie wird etwas mehr Abstand nehmen, um das Thema loslassen zu können, sagt aber auch, sie wird es möglicherweise nie ganz schaffen. Dann verabschiedet sie sich, die beiden umarmen sich zum ersten Mal und Gil widmet sich wieder ihren Rosenbüschen. Es dämmert bereits, und sie geht hinein ins Haus und isst etwas und widmet sich dann ihrem Roman, kommt aber zunächst nicht weiter, da sie doch zu sehr mit Sabrinas Worten beschäftigt ist.
Silas Junior bereitet eine neue Kreation eines Duftes vor, er reist dazu in die Provence, um ätherische Öle vor Ort auszuwählen. Es steht ein kleiner Abschied von Olivier an, der sich an den Entwurf des Flakons dazu macht. Silas Junior besteigt den Zug, welcher den Bahnhof verlässt.
Li und Marina kochen. Sie machen Scherze über Marinas hochschwangere Figur. Doch der Scherz schlägt zu einer ernsten Situation um, denn Marinas Fruchtblase bricht. Sie stehen sich einander einen kurzen Moment gegenüber und sortieren sich dann, und Li ruft die Hebamme an. Diese ist innerhalb einer Viertelstunde bei den beiden und Marina gebiert ihr Kind.
Das passierte noch sehr häufig, Gil schmunzelte über sich selbst und lutschte an der winzigen Wunde, verursacht durch den Stich eines Stachels des Rosenbuschs. Sie blickte in den klaren Himmel am frühen Morgen, blieb am Neumond über den östlichen Hügeln haften. „Marina, wie es ihr wohl gerade geht?“ Sie konzentrierte sich wieder auf den Rosenbusch. Sporadisch überprüfte sie Blätter auf Läusebefall, das kleinere Übel. Wie es grundsätzlich weitergehen wird, hier im Tal der Rosen, war das größere Übel derzeit. Sie seufzte und begab sich weiter zum nächsten Busch. Motorengeräusche kamen näher und es knirschte im Kies des Feldweges.
Es ist ein Anblick, der nicht loslässt. Marina saß auf dem Bett, mit weitgespreizten Beinen, und war wieder einmal hingerissen vom Anblick der Welt. Sie strich sanft über ihren stark gedehnten, kugeligen Bauch und lehnte sich zurück, blickte an die Decke des Schlafraumes. Li murmelte etwas im Schlaf und sie musste schmunzeln, als sie in dabei beobachtete und dem undeutlichen chinesisch lauschte. Sie war immer noch entzückt darüber, wie exotisch chinesisch in ihren Ohren klang und außerdem verwundert, dass diese Sprache sie nun in ihrem Alltag begleitete. „Shēngrì nǚ„, murmelte sie kichernd vor sich hin und wälzte sich aus dem Bett. „Ob es auch schläft?“, fragt sie sich? Sie hielt inne, legte beide Hände auf die nackte Haut ihres Bauch und wartete ab. Keine Regung. Sie hatte Li das Geschlecht nicht verraten. Er hatte auch nicht gefragt, was sie etwas gekränkt hatte. Doch es spielte keine große Rolle. Was allerdings eine große Bedeutung hat: Es wird in wenigen Tagen der Versorgungsflug von der Erde eintreffen, und etwas frisches Obst und Gemüse mitbringen. Darauf ist die Freude groß. Wer sonst noch eintreffen wird? „Ah, das Wasser kocht.“
Die Tür des Postautos schlägt zu. Gil dreht den Kopf kurz, die Hände ruhen dieses Mal. Zu ihrer Verwunderung sieht sie Sabrina auf sich zukommen. „Irgendwie trotzig“, nimmt sie ihre Freundin wahr, und steckt die Schere in die Tasche. Sie treffen sich am Rande des Feldes. Sabrina bleibt zurückhaltend, und reagiert kaum, als sie Gil kurz umarmt, immer noch verwundert, über den sehr frühen Besuch. „Kannst du nicht schlafen?“, fragt sie Sabrina neugierig und ahnungslos? „Was ist denn los?“ Sabrina sagt immer noch kein Wort, kaum eine Gesichtsmuskel bewegt sich, sie wendet den Blick ab, und lässt ihn flüchtig über das Feld gleiten. „Müssen reden.“ murmelt sie, und senkt den Blick. „Okay“, meint Gil daraufhin, „Lass uns ein Stück gehen.“
Knapp zwei tausend Kilometer weiter westlich, gehen Silas Junior und Olivier zum Gare de Lyon. Es ist noch ziemlich dunkel, und entsprechend ruhig ist die Stadt; zumindest abseits vom Zentrum. Begleitet werden die beiden von dem mal stärker, mal schwächer ratternden Rollengeräuschen von Silas Juniors Koffer. Olivier hatte schnell bemerkt, dass er Silas Junior nicht darauf hinweisen muss, dass das um diese Uhrzeit dies Geräusch wohl das störendste der Stadt ist, denn dieser ist quasi im Tunnel. Sie hatten kurz darüber geredet, weil es sehr auffällig war, dass sich bei ihm eine gewisse Nervosität bemerkbar machte, doch Olivier erfuhr nichts genaues, Silas Junior murmelte etwas unverständliches, und Olivier beließ es dabei. Und jetzt, während die Rollen über Kopfsteinpflaster ungeheuerlichen Lärm machten, musste er sich gegenüber seinem Freund und Liebhaber arg zurückhalten; diese Situation ließ ihn schmunzeln. Sonderbarerweise bemerkte Silas Junior das, und war offenbar dankbar über die Ablenkung. „Was gibt’s so Lustiges?“, fragte er in leicht gereiztem Tonfall, und Olivier blickte überrascht auf und sah ihm ins Gesicht, und dabei zu, wie seine Miene sich verfinsterte. „Hm, ich schlafe noch.“, gab er ausweichend zurück, und erblickte etwas kleines, graues an der Hauswand vorbeihuschen. Das war gut so, denn dann musste er nicht Silas Blick ausweichen, welcher seinem Blick folgte und die Maus ebenfalls sah. Olivier blieb dabei, Silas Junior von der Reise ab zu lenken. Er sah ihm die Erleichterung, wenn es um etwas anderes, als diese Zugfahrt ging, direkt an. So wechselte er das, Thema, welches er sowieso spannend fand: „Und wie geht es deiner Schwester mittlerweile? Marina? Hat sie das Kind schon bekommen?“ Sie blieben gegenüber des Bahnhofs an einer Kreuzung stehen und suchten die Straße in alle Richtungen nach annäherndem Verkehr ab; die Ampel war ausgefallen. „Nein,“ erwiderte Silas Junior kurz angebunden, „dürfte aber bald passieren.“
Li trat von hinten an sie heran, Marina erschrak aber nicht, obwohl sie ihn nicht gehört hatte. Sie schmiegte sich in seine Umarmung und fragte, „Na, hast du gut geschlafen?“ Li nickte stumm. Marina drehte den Kopf, da sie mittlerweile wusste, dass auf solche floskelartigen Fragen oder Bemerkungen keine verbalen Antworten von ihm zu erwarten waren. Daran hatte sie immer noch zu knabbern. In Ihrem Verstand tat sie es es als kulturelle Unterschiede ab, und wollte sich nicht weiter damit beschäftigen, doch insgeheim hielt sie es für unhöflich. Und wenn sie nicht aufpasste, reagierte sie mit einer spitzen Bemerkung. Was sie wiederum für unhöflich hielt, also war es ein kleines Dilemma. Ihr Vater quittierte diese Situation mit einem Lachen, als sie ihm letzten Monat davon erzählte. „Mysteriös!“, dachte sie, sowohl hinsichtlich Lis, als auch ihres Vaters Verhalten, und löste sich aus der Umarmung. „Magst du frühstücken?“, und bereute die Frage zugleich, denn sie war wieder so ein bisschen floskelartig gewesen, wenngleich sie natürlich versuchte, die Situation grundsätzlich zu ändern. „Gleich.“, entgegnete Li, und verschwand im Bad-Raum. Marina freute sich über die Antwort, und deckte den Tisch. Sie vermisste ein bisschen die Kuhmilch, hatte aber schnell begriffen als sie darüber nachdachte, dass es Sinn machte, diese und deren Produkte, wegzulassen. Also, griff sie zur Hafermilch, und roch am bereits geöffneten Verschluss. „Okay“, dachte sie sich und überlegte, womit sie Li verwöhnen könnte.
„Merde!“, fluchte Silas Junior, „ich habe mein Smartphone vergessen.“ Er suchte wiederholt seine Hosentaschen ab, und tastete seine Jacke ab. Olivier reagierte nicht. Silas blieb stehen und verdrehte die Augen. „Mann, Kacke, was soll ich denn jetzt machen?“ Olivier blieb immer noch ruhig, griff dann aber in seine Tasche, und zauberte Silas Juniors Smartphone hervor. Silas bekam große Augen und fiel aus allen Wolken. „Du hast Glück, dass ich dich liebe“, meinte Olivier, „und ich kein Sadist bin.“ meinte er zu Silas Junior. „Wo lags denn?“ „Im Bad.“ Silas zog kurz eine Grimasse. „Muchas gracias.“ Sie gingen weiter. „Der einzige Vorteil beim TGV ist das Bordrestaurant.“ Silas wurde wieder ernst, als er dies sagte. Olivier horchte auf, und zögerte etwas; er hatte eine Ahnung, dass Silas nun mehr erzählen würde, und er lag richtig. Silas erzählte ihm, auf dem Weg durch den Bahnhof, dass er früher einmal mit dem ICE nach Berlin gerast sei, und dies der absolute Horror für ihn war. „Aber okay, schloss er ab. Ich mach die Jalousien runter.“, schloss er die Schilderung ab, und umarmte Olivier, und küsste ihn zum Abschied. So standen sie eine Weile, auf dem Bahnsteig, wo nun schon wesentlich mehr Hektik war, als vermutlich in der ganzen Stadt zusammen, scherzte Olivier. Silas nickte nur, und wandte sich dem Zug zu. „A bientôt. Bis bald. Sajonara. Goodbye.“, scherzte er leicht verkrampft, und verschwand im Zug. Olivier ließ den Moment auf sich wirken. Dann ging er nach Hause. Er würde noch einmal schlafen gehen und wünschte sich für Silas, dass dieser dies ebenfalls tun könne.
„Verstehst du?“ Sabrina, kickte einen Stein vor sich her. Sie wirkte etwas trotzig auf Marina, welche nun erleichtert war. Es war ihr ein Rätsel gewesen, warum sich die Freundschaft zwischen ihnen nicht weiter entwickelte. Nun ergab es einen Sinn. Doch sie erwiderte nichts. Sie nickte nur, und seufzte. Ihr war klar, dass dies egoistisch war, und sicher hatte Sabrina mehr darunter zu leiden, wenn sie beide sich nun voneinander distanzieren würden, auf unbestimmte Zeit. Doch zuerst wurde sie von Silas Junior verlassen, und jetzt von Sabrina? Sie schluckte. Es würde nicht einfach werden, aber sie blickte auf. „Okay.“ Sabrina riss ein Blatt von einem Busch und knetete es zwischen ihren Fingern. „Würdest du bitte meine Rosen nicht zerstören?!“, scherzte Marina in gespielt tadelndem Ton. Sabrina warf ihr einen flüchtigen Blick aus den Augenwinkeln zu, ließ das Blatt fallen. Marina merkte, wie der Scherz verpuffte, und murmelte ein „Sorry!“ hinterher. „Wann werde ich dich wieder sehen?“ Sabrina lächelte gequält. „Morgen, falls du Post bekommen solltest.“ – Marina merkte nun, wie verfahren die Situation war. Die Kommunikation zwischen ihnen führte nur noch zu Missverständnissen. Sie beide wurden jetzt zu sehr emotional gefordert. Daher gab sie nur ein „Okay.“ zurück, und blieb dann stehen, um umzudrehen. Sabrina folgte ihr wortlos, und sie schlenderten stumm zurück. Fledermäuse flatterten über ihren Köpfen hinweg. Der Horizont im Osten färbte sich in helles rot. Im Grunde war es ein zauberhafter Morgen, das war beiden klar. Ein schwacher Trost, aber ein Trost.
